Was bedeutet es heute, evangelisch zu sein?
Waldenser-Fakultät, Rom – in der Evangelisch-methodistischen Kirche Bruchsal, 28.10.2008
0. Ein historischer Einstieg
Evangelisch – dieses mit unserm Glauben verbundene Adjektiv ist erst im 16. Jahrhundert mit Sinn gefüllt worden. Vorher ist "nur" vom christlichen Glauben die Rede gewesen. Könnte man sagen, evangelische Christen seien eine besondere Art von Christen? Gewisse Ähnlichkeiten mit unserer heutigen Zeit legen es nahe, die damalige Situation in Kirche und Glaube etwas genauer zu betrachten, weil wir im weiteren Sinne nun einmal in einer historischen Kontinuität stehen. Als Töchter und Söhne der Reformation dürfen wir natürlich nicht vergessen oder verdrängen, wer unsere Mutter gewesen ist. Was also war das, was wir seit jener Zeit Reformation nennen? Von Martin Luther wissen wir, dass er nie von sich sagte, Reformator zu sein und es auch nicht sein wollte. Für ihn hat es nur einen Reformator gegeben: Jesus Christus. Luther hat sich selbst höchstens als so etwas wie Johannes den Täufer gesehen, also einen Vorläufer dessen, der da kommen sollte, und hat eigentlich nur Lehrer – lat.: doctor – der Kirche sein wollen. Ihm ist es darum gegangen, das Evangelium (wieder) in die Kirche, in die Gemeinde zu tragen und in bei-den tragend werden zu lassen – und damit die Kirche selbst zu evangelisieren und auf das Wort des Evange-liums (neu) zu (be)gründen. So hat auch Karl Barth diese (Neu)Begründung der Kirche als Ursache der Reformation angesehen, als deren weiterer Folge dann der Protestantismus Gestalt gewonnen hat – als etwas anderes und mehr als (nur) reformierter Katholizismus. Calvin hat seinerzeit in einem Brief an Kaiser Karl V. geschrieben, dass die Reformation nicht von menschlichem Wollen und Handeln abhängt: Gott will, dass sein Evangelium gepredigt wird – nach dem Erfolg haben nicht wir zu fragen.
Vergleichen wir heute die durch die Reformation geprägte Wende der Zeiten davor und danach, dann hat es mit der Neu-Begründung der Kirche in der Tat ein Aufblühen kirchlichen Lebens gegeben, hat sich eine neue Art und Weise entwickelt, Kirche Jesu Christi zu sein. Die vielfach so genannte Spaltung der Kirche erfasst nur die äußere Wahrheit. Der Kern der inne-ren Wahrheit besagt nicht mehr und nicht weniger als dies: Die Reformation hat die (christliche) Kirche gerettet, weil sie sie neu begründet hat. Diese (Wieder) Auferstehung der Kirche ist ein Ereignis gewesen, zu vergleichen mit der Auferstehung von Toten.
Luther hat damals mit seinen 27 Vorschlägen an den "Christlichen Adel deutscher Nation" – wie eine Bes-serung des christlichen Standes erreicht werden könnte –, die Wende begonnen, an deren Ende die Neubegründung der Kirche gestanden hat. Die Spaltung selbst hat sich als Prozess über rund ein halbes Jahrhundert bis um 1550 hinweg erstreckt. Bei Luthers Tod (1546) war die Spaltung noch nicht endgültig, er hat also vor der eigentlichen Konfessionalisierung gelebt. So können wir heute sagen:
Luther war katholisch, aber nicht "römisch". Und:
Luther war evangelisch, aber nicht "lutherisch". Sein größter Wunsch, dass sich die Christen zu allererst Christen nennen, ist unerfüllt geblieben – bis heute. Evangelische Christen sollten sich davor hüten, Luther für sich zu privatisieren. Denn er wollte Lehrer der christlichen Kirche sein, also ein allen Christen gemeinsamer Lehrer sein. Ob er's wirklich war, mögen wir heute bezweifeln. Zweifellos ist aber ist Lu-ther mit seinem Verständnis des Katholischen – der allgemein gültigen Christlichkeit – unter den Protes-tanten fast ein Fremder oder gar unbekannt geblieben.
Evangelisch als Grund der Kirche, als Grund für das, was alles lebendig hält – darin steckt die Fülle der reformatorischen Botschaft, von der wir allemal noch heute leben.

